Stumme Zeugen des Klimawandels - Was uns Affenbrotbäume über das Erdklima verraten.

Stumme Zeugen des Klimawandel

Was Affenbrotbäume über das Erdklima verraten, erforscht der Paläobiologe Frank Riedel mit seinem Team

02.12.2015

Sie erzählen von der Vergangenheit, und sie bergen wichtige Informationen für unsere Zukunft. Baobabs, die mächtigen
Bäume des tropischen Afrika, können Auskunft über die Entwicklung des Klimas geben. Frank Riedel, Paläobiologe
am Fachbereich Geowissenschaften der Freien Universität, erforscht gemeinsam mit Kollegen die Baumriesen.

Es ist eine Reise in vergangene Jahrhunderte. Wenn Frank Riedel sich aufmacht nach Namibia, Botswana, Südafrika oder in den Oman fliegt, dort mit einem Forscherteam zu den Baobabs fährt, den Kernbohrer ansetzt, in schweißtreibender Gemeinschaftsarbeit in das Zentrum des Stammes bohrt und schließlich ein Stück Holz in Form eines langen Stiftes entnimmt – dann kann er Jahresringe von bis zu 1.000 Jahren erkennen. Das interdisziplinäre Team sieht anhand der Proben zum Beispiel, wie stark die Bäume während der Regenzeiten gewachsen sind.

Baobabs funktionieren wie Kakteen

Es kann ablesen, wie kräftig der Niederschlag gewesen sein muss, welche Trockenzeiten es gegeben hat, und ob die Trockenzeiten im Lauf der Epochen länger geworden sind. „Baobabs funktionieren ähnlich wie Kakteen“, sagt Riedel. „Sie können Wasser speichern und so auch lange Dürreperioden überstehen.“ Für seine Forschungsarbeit kommt Frank Riedel zugute, dass er in mehreren wissenschaftlichen Disziplinen zu Hause ist: „Ich war schon zu Schulzeiten ein Mensch mit breit gefächerten Interessen“, sagt der 53-Jährige. Manchmal habe er das als Hindernis empfunden, meist jedoch als Vorteil. Die Entscheidung für einen einzigen Beruf sei ihm nicht leicht gefallen.

Geologie und Biologie miteinander verbinden

Nach dem Abitur fuhr Frank Riedel erst einmal zur See, er ging zur Bundesmarine. Der damals 18-Jährige wollte die Welt sehen und kam dann doch nur selten über Nord- und Ostsee hinaus. Reisen in die Ferne blieben Riedels Sehnsuchtsziel, doch nach knapp vier Jahren bei der Marine galt es zunächst, das passende Studium zu suchen. Frank Riedel entschied sich, zumindest zwei seiner Interessen miteinander zu verbinden: die Geologie und die Biologie. In Kursen wie „Mikrobiologie“ wurde ihm klar, dass er nicht den Großteil seines Berufslebens im Labor verbringen wollte. „Aber mir war auch bewusst geworden, dass ich interdisziplinär arbeiten wollte“, erinnert sich Riedel.

Franziska Slotta, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team von Frank Riedel, setzt für eine Bohrung an einem Baobab an.
Bildquelle: Frank Riedel

Seine wissenschaftliche Karriere richtete er konsequent danach aus. In Hamburg schrieb er seine Promotion am Fachbereich Geowissenschaften, um sie anschließend am Fachbereich Biologie zu verteidigen. Im Januar 2001 berief die Freie Universität Berlin Frank Riedel an den Fachbereich Geowissenschaften in Lankwitz – der Professor brachte seine eigene Fachrichtung, die Paläobiologie, gleich mit. Ihm gehe es nicht nur darum, die historische Biologie zu erforschen und zu lehren, sagt Riedel: „Die Erforschung von Fossilien ergibt ein Bild der Vergangenheit mit großen Lücken, weil nur wenige Lebewesen fossil erhalten geblieben sind.“ Deshalb sei es sein Ansatz – und der von einigen Kollegen –, von rezenten, also noch lebenden oder in jüngerer Zeit ausgestorbenen Arten, Rückschlüsse auf die Evolutionsgeschichte zu ziehen.

Die Paläobiologie hilft der Klimaforschung

Ist die Paläobiologie eine in die Vergangenheit gerichtete Wissenschaft? Keineswegs, wie das Baobab-Projekt zeigt: Frank Riedel und seine Kollegen, Gerd Helle vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam und Uwe Heußner vom Deutschen Archäologischen Institut, wollen den Forschungsergebnissen der Mathematiker, Physiker und Meteorologen, die zurzeit die Debatte um den Klimawandel bestimmen, eine wichtige Facette hinzufügen. „Meteorologen können in ihren Beobachtungen gerade einmal 130 bis 140 Jahre zurückgehen“, sagt Riedel. „Das ist für die Erforschung langfristiger Klimamuster ein viel zu kurzer Zeitraum.“ So treten große Dürren im südlichen Afrika möglicherweise etwa alle 70 Jahre auf, Meteorologen hätten diese deshalb in ihren Aufzeichnungen genau einmal erfasst: „Das ist natürlich noch kein Muster, es verrät nichts darüber, ob die Dürre wirklich regelmäßig auftritt und was dahintersteckt“, sagt Riedel.

Das Ergebnis der Bohrung: Ein gezogener Holzkern, der für das Wissenschaftlerteam als Archiv für die Klimarekonstruktion der vergangenen Jahrhunderte gilt.
Bildquelle: Frank Riedel

Forschen unter freiem Himmel und im Schatten der Baobabs, den afrikanischen Affenbrotbäumen wie diesem hier in Botsuana. Die Baobabs können bis zu 2.000 Jahre alt werden und bergen wichtige Daten für die Klimaforschung.
Bildquelle: Frank Riedel

Die derzeitigen Klimamodelle für Afrika könnten auf zu wenige Daten zurückgreifen und seien deswegen stark fehlerbehaftet, sagt Riedel. „Aber auf diesen Modellen baut die Politik zum Klimaschutz auf.“ Seit seinem Ruf an die Freie Universität Berlin beschäftigt sich Frank Riedel damit, welche natürlichen „Klimaarchive“ weit in die Vergangenheit zurückreichen und gleichzeitig Klimavariabilität innerhalb eines Jahres oder sogar einer Jahreszeit zeigen können. 2010 entdeckte Riedel die Baobabs für seine Forschung – unter anderem, weil ein Kollege nachgewiesen hatte, dass die legendären afrikanischen Affenbrotbäume bis zu 2.000 Jahre alt werden können.

Nachweis über mehrere Jahrhunderte hinweg

Baobabs schrumpfen während der Trockenzeit, während der Regenzeit nimmt der Umfang des Stammes jedoch zu. Diese Unterschiede lassen sich über Jahrhunderte nachweisen, mit dendrochronologischen Methoden zur Datierung, die die Isotopengeochemie einbeziehen. Dafür reist Frank Riedel regelmäßig durch das südliche Afrika. Aber auch im Dhofar-Gebirge im Oman gibt es Baobabs, weil bis dorthin die Niederschläge des Monsuns reichen. „Gerade in diesen Randbereichen einer Klimazone sieht man Veränderungen am besten“, sagt er. In allen Ländern arbeiten die Klimaforscher aus Deutschland mit lokalen Partnern zusammen. Diese helfen auch dabei, Kontakt zu Dorfgemeinschaften aufzunehmen und ihnen zu erklären, weshalb die Wissenschaftler in ihrer Region Bohrungen an einem jahrhundertealten Baobab vornehmen wollen. Wenn die Arbeit von Frank Riedel und seinen Kollegen Erfolg hat, existiert bald ein Klimaarchiv für das südliche Afrika. Dann lassen sich nicht nur Aussagen über Entwicklungen der vergangenen Jahrhunderte treffen, sondern es können auch regionale Veränderungen erfasst werden. „Denn das Klima verändert sich natürlich nicht an allen Orten gleichmäßig“, sagt Riedel. „Jede Region separat zu betrachten, ist sehr aufwendig. Aber nur das wird dem Anspruch gerecht, den Menschen eine seriöse Prognose über das künftige Klima ihrer Region zu geben.“

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Artikel im Online-Magazin "DER TAGESSPIEGEL" vom 02.10.2015 von Lennart Paul


Der Wissenschaftler

Prof. Dr. Frank Riedel

Frank Riedel ist Professor am Institut für Geologische Wissenschaften der Freien Universität und Direktor des dortigen Centre for Ecosystem Dynamics in Central Asia. Er forscht vor allem zu den Themen Klima- und Umweltwandel (auch im Hinblick auf alte Zivilisationen), der Dynamik von Ökosystemen mit den regionalen Schwerpunkten südliches Afrika, Kaspische Region, Zentralasien, Tibet und Himalaya, China und Ostsibirien (Baikalsee). An freien Abenden erforscht der Paläobiologe aber auch ein fachfremdes Gebiet: Dann wird er zum Krimiautor – und schickt zwei pensionierte Tatort-Fernsehkommissare auf Verbrecherjagd.

Kontakt
Freie Universität Berlin
Institut für Geologische Wissenschaften
Fachrichtung Paläontologie
E-Mail: paleobio@zedat.fu-berlin.de